Warum googeln Investoren Unternehmen vor einer Investitionsentscheidung?
Vor einem Meeting suchen Investoren routinemäßig auf Google nach Unternehmen und Führungskräften, prüfen LinkedIn und befragen zunehmend KI-Systeme wie ChatGPT und Perplexity. Die Suchergebnisse prägen die konkreten Fragen für das Gespräch. Jede Diskrepanz zwischen der eigenen Darstellung des Unternehmens und den öffentlich zugänglichen Informationen wird dabei als Problem thematisiert.
Die Recherche von Investoren vor einem Meeting ist heute eine strukturierte, plattformübergreifende Routine. Ein Pitch-Deck oder Deal-Memo eröffnet zwar das Gespräch, aber Google, LinkedIn und KI-Systeme prägen die Meinung des Investors, bevor das Meeting überhaupt beginnt.

Schritt 1: Erhalt der Transaktionsunterlagen
Der Investor prüft das Pitch-Deck, den One-Pager oder das Deal-Memo. Dies legt die grundlegende Darstellung fest – die Geschichte, die das Unternehmen erzählen möchte.
Schritt 2: Google-Suche
Der Investor googelt den Unternehmensnamen, die Führungskräfte und alle in den Unterlagen genannten bemerkenswerten Ereignisse. Die erste Google-Seite ist der primäre Filter: Fast 97 % der Klicks entfallen auf die ersten zehn Suchergebnisse, während die zweite Seite nur noch einen Bruchteil eines Prozents der Aufmerksamkeit erhält. Investoren prüfen dabei Folgendes:
- Medienberichterstattung. Bestätigt oder widerspricht die Berichterstattung Dritter der eigenen Darstellung? Ein negativer Artikel eines glaubwürdigen Mediums kann sich über Jahre hinweg auf der ersten Seite halten.
- Rechtsstreitigkeiten und behördliche Maßnahmen. Negative Berichte über rechtliche Auseinandersetzungen tauchen bei Suchen nach dem Markennamen meist schnell auf.
- Erfolgsbilanz des Managements. Frühere Unternehmungen, Exits und jegliche Kontroversen, die mit den Namen der Führungskräfte in Verbindung stehen.
Schritt 3: LinkedIn-Prüfung
LinkedIn-Profile ranken bei den meisten Namen von Führungskräften in der Regel unter den ersten drei Google-Ergebnissen, da die Plattform über eine hohe Domain-Autorität verfügt. Investoren gleichen Biografien, berufliche Werdegänge und gemeinsame Kontakte ab. Unstimmigkeiten zwischen dem LinkedIn-Profil und den Angaben im Pitch-Deck sind ein häufiges Warnsignal bei der Due-Diligence-Prüfung.
Schritt 4: Abfrage von KI-Systemen
Investoren und Kapitalverwalter befragen zunehmend KI-Systeme, insbesondere ChatGPT und Perplexity, mit denselben Fragen, die sie sonst bei Google eingeben würden. Eine Untersuchung von Affinity (2026) ergab, dass 82 % der VC-Firmen, die KI nutzen, diese nun für die Recherche beim Deal-Sourcing einsetzen. Auf SSRN veröffentlichte akademische Arbeiten haben ChatGPT speziell als Due-Diligence-Werkzeug untersucht. Die Analyse von KPMG aus dem Jahr 2025 zum Thema KI in M&A-Transaktionen stellt fest, dass KI mittlerweile genutzt wird, um die Prüfung von Managementunterlagen und unstrukturierten Dokumenten in der Financial und Commercial Due Diligence zu beschleunigen.
KI-Systeme konstruieren eine Darstellung aus den von ihnen indexierten Quellen. Wenn die öffentlich zugänglichen Informationen spärlich oder verzerrt sind, spiegelt die KI-Antwort dies wider, und der Investor geht mit genau dieser Sichtweise in das Meeting.
Schritt 5: Erkenntnisse prägen die Fragen im Meeting
Diskrepanzen, Lücken oder negative Signale, die in den Schritten 2 bis 4 gefunden wurden, werden zur Agenda des Investors. Fragen, die scheinbar aus dem Nichts kommen, lassen sich oft auf ein Ergebnis einer Google-Suche oder die Antwort eines KI-Systems zurückführen, die in den unternehmenseigenen Unterlagen nicht behandelt wurden.
Was dies für das Reputationsmanagement bedeutet
Die öffentlich zugänglichen Informationen bilden die andere Seite jedes Investorengesprächs. Eine Diskrepanz zwischen den Aussagen des Unternehmens und den Ergebnissen von Google oder ChatGPT ist ein Due-Diligence-Problem, nicht nur ein kommunikatives. Mandate werden regelmäßig dadurch ausgelöst, dass ein Investor in einer Suche oder einer KI-Antwort etwas findet, das in der Darstellung des Unternehmens nicht thematisiert wurde.
Zuletzt überprüft: 19/05/2026